Schrottliebesleben
Da dreht sich erst mal kein Rad mehr. Ist doch schrottreif! Oder kann ich den Karren noch aus dem Dreck ziehen? Eigentlich ist noch ne Menge dran an der in die Jahre gekommenen Zugmaschine: Motor, Räder mit Schutzblechen, Lenkrad alles auf einer tragenden Karosserie… Was braucht's um die Karre wieder zum Laufen zu kriegen? Einen Liebhaber! Nur ein Liebhaber kann einen liegengebliebenen scheinbaren Schrotthaufen in ein Liebhaber-Schmuckstück verwandeln. Jemand, der eben sieht, was noch dran ist und das wieder findet, was kaputt oder verloren gegangen ist. Der sich Zeit nimmt, der bereit ist, sich die Hände immer regelmäßig schmutzig zu machen, um den alten Glanz über die rostige Patina zu zaubern. Es ist der Liebhaber, der am Rad des Lebens dreht!


Völlig schwerelos
Mit Schirm wird man nicht nass
und man fällt auch nicht so krass.
Auch wenn sich die Speichen biegen.
Eine Weile kann man fliegen.
Aber dennoch bleibt die Frage.
Ist man weiter Herr der Lage?
Fragt der Mann mal seine Frau.
Werden sie ja doch noch schlau.
Und man sieht sie luftig schweben.
Ganz entspannt zum Boden streben.
Werden sie sich dort verstehen
Oder ihrer Wege gehen.
Waren sie vielleicht verzagt?
Und deshalb den Sprung gewagt?
An der Decke sich oft verkannt,
gelandet werd’n sie neu bekannt.
So lohnt es sich’s doch, den Sprung zu wagen
und einen Schirm bei sich zu tragen.

Brauchwasser
Mitten in der Stadt braucht es einen Brunnen.
Mitten im Leben brauchts einen Fluss.
Der Fluss nimmt dich mit, wenn alles andere still steht.
Er fließt mitten durch dich durch, wenn du stehen bleibst
und dich seinem Rauschen hingibst.
Du verlässt den Rand deiner sicheren Stadt.
Fließend nimmt er dich in seine Mitte.
Stellt dich unter Strom.
Wirst zum geflügelten Löwen auf dem Tummelplatz deiner Stadt.
Wirst zum Brunnen.
Gebraucht.
Am Rand und mitten in der Stadt.

Drehbuch
Den Vorhang zuziehen.
Sich ausschütten.
Nichts zurückhalten müssen.
Das, was Gewicht hat und nützlich ist,
fließen lassen.
Strömen.
Den lebendigen Acker begießen.
Dem Frühling seine Bühne geben.
Sich einpflanzen.
Wachsen.
Eine gute Rolle übernehmen.
Lebenslandschaft gestalten.
Vorhang auf!
Auftreten!
Schattenschmelze im Schmelzschatten
Er ist ein Stein und er liegt wie ein Stein. Tankt Wärme in der Sonne. Seine Spitze wirft einen überschaubaren Schatten. Größer ist der Schatten, direkt um ihn herum. Was er in wenigen Sonnenstunden mit seinem Körper an Wärme eingesammelt hat, gibt er an seine Umgebung wieder ab. So schmilzt er sich durch den Schnee und legt sich als Schmuck diesen “Schmelzschatten” zu. Der hebt in noch einmal heraus aus der Kühle. Diesen Stein mit seinem überschaubaren Schatten kann ich nicht übersehen. Er durchwärmt auch meinen Lebensschatten. Eis schmilzt. Grund ist zu sehen. Weil einer bereit ist, Wärme aufzunehmen und abzugeben und da zu sein.


Weichmacher
Keine satte Erde.
Überall nur schwerer Stein.
Farbenpolster für grau gewöhnte Augen.
Blühkraft auf Stein. Lockert die Fassade.
Kann meinen harten Stein polstern
und mich satt sehen.
Straßenpflastereinkehr
Auf der Straße des Lebens kommt so einiges zusammen...
Blätter wachsen und fallen. Stiele halten und brechen. Grünen und Verwelken greifen ineinander. Federleichtes und entstellende Risse beschreiben das Blatt, das sich wendet. Glanz verstaubt.
Aber wie ein guter Geist von oben webt der Wind Gerissenes zusammen. Auch die Federn, die ich lassen musste, finden ihren verbindenden Platz. Eine hat er aufgerichtet zum Segel für das Rettungsboot, das auf der sicher weiter mit allem Möglichen gepflasterten Straße des Lebens einfach weiter segelt.
Im Frachtbrief steht: Zerrissenes sammeln, frische Brise, Segel setzen! Es kommen so einige Möglichkeiten zusammen auf der Straße des Lebens.


Einspuren
Dreispurig Richtung Regenbogen.
Auch wenn der Horizont durch Wolken verhüllt bleibt.
Die Farbenpracht bleibt das verlockende Ziel.
Ich bewege mich vorwärts im Vertrauen,
dass mich dort die Farben froh machen
und ich nicht nur im Regen stehe.
Hab ich den Bogen schon raus?
Regenbogenwärts bleib ich in der Spur.

Gossensignal
Wegwerfgesellschaft. Unsere Wege werfen doch Fragen auf. Warum lassen wir auf unserem Weg alles einfach achtlos fallen? Morgen kommt ja die Straßenreinigung. Oder auch nicht. Was ich weg werfe, liegt mir irgendwann selbst im Weg. Die Blume in der Gosse spielt die Ampel, die auf Gelb steht: “Achtung. Wechsel auf Rot steht unmittelbar bevor!” Wer wirft seinen Blick auf die im Wegwerf eingequetschte Blumenampel? Wer zollt ihr Achtung auf seinem Lebensweg? Wer beherzigt ihr Warnsignal: Da ist etwas ins Kippen geraten auf deinem Weg. Kehr mal durch! Kehr vor deiner eigenen Haustür! Kehr um! Heb das Leben auf! Wirf es nicht weg! Gewinne Achtung! Bevor du Rot siehst. Leiste Gesellschaft!

Übersetzungsleistungen
Brückentag im Frühling. Brücke in den Frühling. Ist er nicht selbst die Brücke vom Eisblumen-Winter zum Pusteblumen-Sommer? Wer lässt sich diesseits noch von Eisblumen gefangen nehmen? Wer holt jenseits schon tief Luft, um die zarten Flugschirmchen auf der Wiese zu verteilen? Wer war der Brückenbauer, der mich mit seinem genialen Brückenschlag trocken übersetzen lässt? Mit wem habe ich so manches blaue Wunder erleben dürfen? Wer war mein Festhalte-Geländer? Wer hat mir über den reißenden Strom geholfen? Der, der beide Seiten kennt. Der, der sich wünscht, dass ich die Seite wechsle und neue Ufer entdecke. Heute ist Brückentag. Den eisigen Hauch noch im Nacken: Luft holen, los gehen, übersetzen. Ankommen.

Best-Auto statt West-Auto
Die Renn-Pappe aus Zwickau ist edel.
Niemals geht sie mir aus dem Schädel.
Als großer Junge saß ich schon heimlich am Steuer.
Meinem Vater auf dem Sitz neben mir war's gar nicht geheuer.
Zum Schalten ein Stock zum Ziehen und Drücken
und hart gefedert der Sitz im Rücken.
So ging's über bucklige Wiesenwege.
Das war wohl weniger eine Bandscheibenpflege.
In dir sitzt man gerade im rechten Winkel.
So wird man mitnichten zum feinen Pinkel.
Beim Durchtreten kommt man auf 100 Sachen.
Auf der Fahrt zu fünft mit Hund an die Ostsee lassen wir’s krachen.
Von den Eltern wirst schon bei meiner Geburt bestellt.
Denn es steht in den Sternen, wann man dich erhält.
Auch heute noch wird mir beim Blick auf die Pappe noch warm.
Das Motor-Topfknattern behält seinen Charme.
Heute bist du ein rausgeputztes Liebhaberstück
und bescherst so manchem Nostalgiker Glück.
Du bist und bleibst keine billige Attrappe.
Denn am Ende bist du gar nicht von Pappe.

Schönfärberei
Ohne Blätter ein Bild abgeben.
Die Hüllen sind gefallen.
Fortgetragen vom Wind.
Schau mich an!
So sehe ich eigentlich aus!
Nicht aus dem Bilderbuch.
Vor den Farben des Untergangs
bin ich schön!

Schußschluß
Ganz viele Pfeile hab ich.
Dann muss ich wohl auch viele Ziele haben!
Verklemmt stecken sie fest im Köcher.
Nur eingesteckt statt eingesetzt.
Verschwunden im muffigen Abstellraum.
Kein zielsuchendes Surren im luftigen Lebensraum.
Wo ist die Zielscheibe? Auf der Strecke geblieben? Wo die Mitte, die ich treffen will? Unterwegs verloren gegangen?
Wo peile ich die volle Punktzahl an mit meinem Auge und dem kraftvoll gespannten Bogen.
Es wird Zeit, volle Pfeile-Köcher in volle Punktzahl-Pfeile zu verwandeln.
Mit wohl gespanntem Lebensbogen, scharfem Augenmaß und entschlossener Haltung die Mitte treffen.
Knapp daneben ist auch gut.
Hauptsache zum Schuss kommen.
Bevor die vielen Pfeile verfault sind und ganz Schluß ist.
Hafenruhe
Da liegt er. Stein des Anstoßes. Liegt einfach da und IST. Volles SEIN. Stein sein. Gibt Anstoß im Wellenspiel der verwaschenen Welt. Wird selbst durchlöchert im Anstoß von Ebbe und Flut und auslaugenden Sturmwellen. Liegt da. Und bleibt. Im Schatten des löchrigen, hart genommenen Körpers wächst der Hafen um ihn herum. Stein des Anstoßes schafft Raum zum Anker legen. Im Hafen liegen. Grund haben zu bleiben. Angestoßen vor Anker liegen. Im Hafen. SEIN.


Perspektivmuster
Hier gab's Mal einen Durchblick, einen Ausblick, einen Einblick und wenn es gut ging, auch einen Überblick. Das alles wird nun nicht mehr gebraucht. Kein Wohnraum mehr vorhanden. Dann wird eben alles dicht gemacht. Keine Hoffnung, dass hier noch Mal jemand durchblickt. Die Scheibe zerschossen, den Rahmen verloren, der Vorhang gefallen. Dann wird halt dicht gemacht. Eingemauert. Ausgesperrt. End-gültig geschlossen!
Halt! Oben links: erster Hohlblockstein! Ein Mauerspecht hat zugeschlagen! Spezialist für versteckte Hohlraume, die erweitert werden können. Ein Anfang ist gemacht. Selbst der Maurer hat ein Muster vorgegeben für die mögliche Öffnung seiner Schließung. Wenn der Mauerspecht als nächstes sich alle Backsteine vornimmt, dann braucht es nur noch einen beherzten Schubs gegen das gut verzahnte Betonsteinkonstrukt und alles ist wieder offen. Vorhang zu - Vorhang auf. Rahmen zimmern: klopf, klopf. Glasscheibe. Anhauchen. Putzen. Neuer Durchblick. Wohnraum. Klopf an! Zimmer frei!

Jugendstil
Bist wie gemalt.
Aus dem Leben gepflückt.
Gibst plötzlich Halt.
So dass nichts verrückt.
Hab an dich gedacht.
Deine Blüten gesteckt.
Bunte Farben entfacht.
Volles Leben entdeckt.
Suchst mich im Garten.
Bist mir so nah jetzt.
Muss nicht lang warten.
Weil du mich schätzt.
Blüten verblühen.
Fallen dann aus.
Doch Herzen glühen.
Erneuen den Strauß.
Fossile leben länger
Ich bin ein jahreszeitliches Fossil. Nur ein paar Wochen alt. Bruder Herbst hat mich hier abgelegt. Mehrfach bin ich überfahren worden. Achtlose Tritte zuhauf. Oft geflutet, ein Teil von mir weggekehrt, ausradiert und entsorgt. Aber ich bin noch da. Du kannst mich immer noch sehen. Ich gebe mein Bild ab. Weichmacher auf Betonpflasterraster.
Rechte Winkel schwinden unter den Kurven meiner Blattadern. Bin ich tot oder nur ergraut? Kannst du das Grün des alten Sommers noch sehen? Kannst du das Grün des kommenden Frühlings schon sehen? Ich trage es zum Bruder Winter. Er bringt es zum vierten der Gebrüder. Neues Leben für ein totgesagtes Fossil.


Philosophie im Strauß
Zusammenstehen
Halt verleihen
Nuancen sehen
Aneinander reihen
Farben verbinden
Nicht verzagen
Haltung finden
und herausragen.

Rundreise
Es geht aufwärts. Start ins Blau.
Mond nimmt zu?
Mond nimmt ab?
Wofür entscheide ich mich?
Wohin starte ich durch?
Zum vollen Mond.
Schließt sich der Kreis?
Ungewiss. Fahrt ins Blaue?
Auf einen neuen Mond.
Schließt sich der Kreis?
Nehme ich zu? Nehme ich ab?
Werde ich voll? Werde ich neu?
Ich wünsche mir gute Landung auf Mond und Erde.
Himmlisch blaue Umlaufbahn.
Voll-Kommen-Neu.
Mut zapfen
“Zum Wohl!”
Da könnte man ja jederzeit ein Fass aufmachen. Zu welchem Anlass lohnt es sich denn, ein Fass aufzumachen? Geburt. Taufe. Hochzeit. Trauerfeier. Feiertag.
Alltag? Und wann ist es im Alltag nötig, ein Fass aufzumachen?
Ein Glas Rotwein täglich verlängert das Leben. Sagt man. Aber irgendwann muss das Fass aufgemacht werden und der Saft muss fließen. Fässer mit guten Wein im Keller zuhaben, ist auch eine Verpflichtung, das Fest des Lebens zu feiern und Quellen der Freude anzuzapfen.
Das kann aber auch heißen, am Stammtisch im zweiten Sinne dieser Redewendung “ein Fass aufzumachen”. Nämlich dann, wenn der Gesprächshorizont beim festlichen Anlass oder am Stammtisch am eigenen Tellerrand endet. Blick über den Tellerrand weitet die Lebensadern und schützt vor fortschreitender Verkalkung bei allen Gesprächspartnern, stiftet alltägliche Gesundheit und macht das Fass des Lebens auf. Risiken und Nebenwirkungen sind wohl von Geburt bis Trauerfeier in Kauf zu nehmen.
Aber sie gereichen eben “Zum Wohl!”


Unbeugsame Tätigkeiten
Schauen. Ausschauen.
Ruhen. Ausruhen.
Sitzen. Aussitzen.
Blicken. Ausblicken.
Suchen. Aussuchen.
Harren. Ausharren.
Tragen. Austragen.
Brechen. Ausbrechen.
Aus sein. Eins sein.
Fliegen.

Zeitschwung
Immer schön in Schwung bleiben.
Die Zeit mit Wachsen vertreiben.
Nicht nachdenken über den Preis.
Und der Samen schließt den Kreis.
Passage
Hier passiert doch nichts! Szene ohne Ereignis. Wohnhaus, Motorrad, Geschäftshaus. Straßenlampe, Verkehrsschild. Einbahnstraße. Durchfahrt verboten! Nichts los.
Oder?
Näher hingeschaut leuchtet ein Schriftzug an der Fassade:
“Good things will happen soon… Gute Dinge werden sich ereignen – bald…”
Nichts davon zu sehen. Stillstand. Aber die Leuchtschrift entfaltet dann doch einen gewissen Zug. Eingelesen ins Bild steht es nicht mehr still in meinem Kopf: Motorrad wird gestartet. Laden geöffnet. Einbahnstraße aufgehoben. Guter Dinge, gute Dinge in Bewegung setzen. Ihnen und mir zumindest nicht im Weg stehen, ist schon mal eine gute Position. Mich bald mit guten Dingen einfädeln in regen Verkehr.
Dann passiert doch was!


Gründonnerstag - 4. Kreuzwegstation - Haftgründe
Eltern haften für ihre Kinder! Also lieber die Verantwortung abgeben. Klappe auf und frei sein. Aber die schlechten Nachrichten halten nicht ihre Klappe: Alles wird teurer. Der Krieg hört nicht auf. Die Krankheit des Wohlstandes frisst sich wie Krebs durch den kleinen Willen zum Verzicht zugunsten meiner Mitwelt, die ich lieber Umwelt oder Dritte Welt nenne. Dann kommt sie mir nicht zu nahe. Sachzwänge nehmen mir gerne unangenehme Entscheidungen ab. Es geht ja nicht anders. Ich bin nur ein kleines Licht. Das sollen die da oben mal richten! Will ich in diesem selbstgewählten Gefängnis verhaftet bleiben? Oder persönlich Haftung übernehmen? Halt nicht die Klappe! Sonst haften Kinder für ihre Eltern!

Lippenbekenntnis
Ich blick schon noch durch.
ch krieg's auf die Reihe.
Ich lass mich nicht einmauern.
Ich wachse wie Unkraut raus aus jeder Ecke.
Ich zeig mich.
Ich geh auf die Straße.
Ich riskiere große Lippe.
Mein Gesicht bekennt Farbe und durchbricht die graue Wand.
Kopf hoch!
Trag deine Farbe ein!
Blick durch!

Schnattern und Flattern
Auftauchen, aufatmen, auffliegen, abheben.
Bewegen die Flügel. Besteigen die Hügel.
Besegeln die Meere. Bezwingen die Schwere.
Behalten im Blick. Das eigene Geschick.
Die Schwingen entfalten statt Altern verwalten.
Sitzen und Brüten. Einander behüten.
Sorgen und Pflegen auf allen Wegen .
Ängste bestehen. Ängste vergehen.
Abflattern. Einflattern. Leben ergattern.

Seilschaften
Ich brauche Nerven wie Drahtseile!
Nicht die Nerven verlieren, ist schon ein Drahtseilakt.
Da hilft so eine Rolle,
die die “Drahtseilnerven” für schlechte Zeiten verfügbar hält.
Ich kann dann zur Kurbel greifen und sie wieder ausrollen,
über einen Abgrund spannen oder zum sicheren Abseilen
oder Erklimmen eines unbesteigbaren Berges nutzen.
Das Drahtseil hat nie nur einen Draht. Mehrere Drähte sind umeinander gewunden.
Ein Draht allein würde kaum was aushalten und nachgeben.
Aber im fest umschlungenen Verbund wird ein Drahtseil draus,
das ein Vielfaches trägt und Nerven bewahren hilft.
Zu wem habe ich einen guten Draht? Kommen wir uns ruhig nah
und winden uns nicht voreinander raus, sondern miteinander rein und damit umeinander.
Dann haben wir Nerven wie Drahtseile!

Tun-Ergehens-Zusammenhang
Ich denke, ich sollte was tun…
Was ich alles nicht tue, gibt mir zu denken.
Was ich schon getan habe - auch.
Ich streiche meinen Glauben an den diesen ewigen Konjunktiv
und an alles allzu Perfekte.
Ich tue JETZT was.
Transformation vor der Haustür. In aller Öffentlichkeit.
Gnädige Erlösung aus dem Nichtstun.
Fordert und Fördert.
In meiner Bibel lese ich: “Der Herr unser Gott sei uns gnädig und fördere das Werk unserer Hände.” (Die Bibel, Psalm 90,Vers 17)

Platzhalter
Wer wird hier Platz nehmen? Im “Cafe Rosenburg”.
Zwei Verliebte, die turteln werden
und der Kaffee wird ganz vergessen und darüber kalt werden,
weil die Herzen so warm sind.
Oder werden zwei kommen, die sich auseinander setzen,
den Konflikt auf den Tisch packen und im Streit heiß laufen.
Oder ein Einsamer. Eine Einsame. Alleine bleibend.
Der leere Stuhl wird zum Loch in der Seele gegenüber.
Der Kellner bricht freundlich das Schweigen oder das verrückte Geplapper:
Was darf ich dir bringen? Was darf ich euch bringen?
Der eine bestellt das Ende der bitteren Einsamkeit.
Die beiden anderen, dass die süße Zweisamkeit nicht endet
oder der Streit sich lösen lässt.
Der Kellner bringt die Karte und macht ein Angebot.
Durchdringt Einsamkeit und Zweisamkeit. Es geht einen Schritt weiter.
Ein Wunsch wird erfüllt. Genuss a la carte.
Leben bestellen…und meinen Platz darin einnehmen
in der Rosen-Burg.

Voll im Fluss
Loslassen.
Einfach fließen lassen.
Ein Bett haben.
Nicht uferlos unterwegs sein
auf dem Weg ins große Ganze.
Ins MEER münden.
Weit MEHR sehen
und hoffen als das,
was vor Augen ist.
Im Fluss bleiben,
auch wenn keiner verrät,
was hinter der nächsten Biegung kommt.
Und dann tummeln im weiten Mehr-Meer!
Segel setzen.
Leinen
los
Lassen.

Ausbrechen
Feuer aus der Erde.
Licht aus dem Himmel.
Drohende Gebärde
in unser Gewimmel.
Klima im Wandeln!
Elemente in Aufruhr!
Wollen wir handeln?
Sehen wir die Uhr?
Wer löscht den Vulkan?
Wer bringt das Licht?
Auf dich kommt es an!
Versteck dich nicht!
Geh auf wie der Mond.
Entfache dein Feuer.
Wirst schließlich belohnt.
Nur warten wird teuer.

Selbstbewußtsein
Bin doch nicht die kleinste Rübe.
Häute mich und werd zur Blüte.
In der Suppe koch ich weich.
Noch ich einer Rose gleich.

Wandwerbung
Gut wenn alles rauskommt.
Gut wenn alles ein Bild bekommt.
Gut wenn alles beschrieben wird.
Gut wenn alles gesehen wird.
Gut wenn Ängste einen Ausgang finden.
Gut wenn Träume sich um Tränen binden.

Hochzeitsmarsch
Zum Loslassen den Mut fassen,
verschwendend Spuren hinterlassen.
Harte Stufen in Stücken
mit weichen Farben beglücken.
Auf der Lebenstreppe,
mit einer Brautschleppe
Hoch-Zeiten entgegen steigen
und sich unermüdlich lebendig zeigen.

Eisspiegel
Ein Suchbild. Was ist noch zu erkennen? Mein gewohnter Blick am Morgen durch das Fenster der Veranda sah vor einigen Tagen plötzlich so aus! Der Frost hatte frech seine Eisblumen über das gestreut, was ich eigentlich erwartet hatte zu sehen. Vordergrund war mit einem kalten Hauch über Nacht zum Hintergrund geworden. Eine neue Faszination nahm mich für ein paar Minuten gefangen: Blumen aus Eiskristallen! Wer hat sich das ausgedacht? Nicht mehr wie so oft gefangen im schnellen Bewegen von Ort zu Ort - dafür begeistert innehalten, staunen, bewundern, Atem holen, genießen. Da sein. Und nicht gleich wieder weg müssen. Leben und nicht gelebt werden.

Eisschmelze
Automatisch geht es in die Zukunft. Auf dem Bahnhof in Vilnius ist alles wie geleckt. Die automatisierte Eisverkäuferin fällt nicht durch Schwangerschaft oder Krankheit aus. Sie hat immer gute Laune und arbeitet sicher meistens gemäß ihrer Programmierungdaten. Da bleibt doch kein Wunsch mehr offen – oder? Wenn ich mir vorstelle, in immer mehr Alltagssituationen von solch blank polierten superfreundlichen Computerdamen und -herren bedient zu werden, ist das doch eine irgendwie triste Sache.
Bei allem Ärger über so manche Unzulänglichkeiten von Menschen machen auch diese doch einen Menschen zu einem einzigartigen und irgendwie auch liebenwerten Menschen.
Wenn ich bei einem Menschen ein Eis bestelle, könnte es in diesem sehr kurzen Vorgang geschehen, dass da nicht nur Verkäufer und Kunde sich begegnen, sondern das so in einem gewissen Sinne das Eis zwischen zwei Menschen schmilzt. Denn es gibt die Chance als Mensch aus den programmierten Rollen auszusteigen. Miteinander zu scherzen und ehrlich freundlich zu sein und einen sympathischen Eindruck zu hinterlassen, der noch wohltuend eine Weile in uns nach klingt.
Beim Automaten klingelt nur die Kasse...

Durchwachsen
Klein machen.
Die Stange halten.
Dem Boden entwachsen.
Der Furche folgen.
Das gute Blatt haben.
Der Richtung vertrauen.
Den Tunnelblick lernen.
Den Schirm genießen
Den Bogen raus haben.
Den Ausweg finden.
Triumphieren.

Pflasterdämmerung
Wenn alles gepflastert ist,
sieht's ordentlich aus.
Wenn die Fuge dicht ist,
kommt keiner mehr raus.
Dann gibts keinen Anstoß
und gar nichts zu meckern.
Doch ich zieh das Los
zum Pflaster bekleckern.
Ich fall in die Lücke
und nutze den Raum.
Der Beton wird mir Krücke.
Ich gedeihe im Traum.
Jetzt gebe ich ein Bild ab
für alle anderen.
Bring die auf Trab,
die noch mutlos wandern.
Schau auf meine Blätter.
Vergiss alles Grau.
Wir wechseln das Wetter
und stellen Blüten zur Schau.

Fokus-Summer
Verschwimmende Stadt und Welt mit ihren Straßenzügen.
Wo habe ich meinen Fokus?
Wo stellt sich mein Auge scharf?
Es ist die eine Blüte, direkt vor dem Balkon.
Eine Biene tanzt schon im Rausch des Nektars
und sammelt geschäftig das Leben ein.
Für sich. Für die Brut. Für die anderen.
Sie summt laut und unüberhörbar.
Für mich.
Damit mein Auge zur nahen Lebens-Blüte findet
und sich nicht in der Ferne verliert.
Sie fokussiert mich auf das,
was ganz nah und klar zu sehen ist.
Was gerade ernährt.
Mich. Auf meinem Balkon.
Die Brut im Staat
und die anderen in Stadt und Welt und ihren Straßenzügen.

Bunte Feder wachsen lassen
Ein bunter Vogel, dem einige bunte “Federn” gewachsen sind.
Hatte wohl auch immer seinen Grund, denk ich mir so.
Da sitzt er, als ob es das Normalste von der Welt wäre,
so im Park zu sitzen.
Aber ist es das nicht auch?
Habe ich selbst nur nicht den Mut,
die mir gewachsenen bunten Federn zu zeigen.
Schlucke ich nicht viel zuviel runter,
anstatt es mir zu Kopf steigen zu lassen?
Mir fehlt dieser Übermut.
Ich zeige lieber Klassisches, Modisches und Braves
und halte mich eher blass auf einer hinteren Parkbank zurück.
Er aber - wie ein Erleuchteter sitzt er da und ist eins mit sich.
Lach nicht von hinten über den Paradiesvogel da vorne!
Zeig deine bunten Federn! Dann kannst du farbenfrohe Früchte tragen!
Und darfst entspannt und schamlos neben ihm in der ersten Reihe sitzen.
m Paradies!d säen
Halte dich nicht hinterm Berg.
Ich will dich sehen
Komm mit

Dame im Spiel
Alte Weisheit
Schafft den Anstieg
Obwohl es bergab geht.
Doch mit keckem Hut und Stock
Geht's auch irgendwie auch bergauf.

In Gang kommen
Da macht sich doch ein Baum auf den Weg!? Er scheint den anderen im Gehen noch zuzurufen: “Ich bin dann mal weg. Hab was Wichtiges zu erledigen!"
Es hat ein paar Jahre gedauert bis sich seine festen Wurzeln zu gangbaren Füßen entwickelt haben. Doch jetzt ist er mit seinen Wurzeln aus seinem Stammplatz auf dem Boden der Tatsachen herausgewachsen. Er ist der festen Überzeugung, dass er außerhalb des sich selbst beschirmenden und in sich selbst ruhenden schweigenden Waldes etwas zu tun hat.
So hat er sich unter seinen Wurzeln im Innern ein Herz gefasst und zieht sich raus aus der sicheren Gefolgschaft der ihre gekrönten Köpfe schüttelnden kleinen und großen Brüder. Ein Herz kommt in Bewegung und lässt sich draußen bei dir nieder und der weise Herzbaum-König hat die Sterne gegen alles Kronenkopfschütteln doch richtig gedeutet und faßt neuen Fuß.

Grünkraft
Durchbrechen
Nicht durchfallen
Schlupfloch suchen
Nicht verzweifeln
Lebensraum erobern
Nicht erstarren
Starrsinnig durchwachsen

Gnadenzeit
Die Zeit soll still stehn
Wie gewinn ich sie
Will den Film mit ihr drehen
Führt sie doch Regie.
Sie teilt lange Minuten
in kurze Sekunden
muss mich doch sputen
und sparen die Stunden.
Kann ich sie messen,
von mir überzeugen,
sie einfach vergessen,
mich doch vor ihr beugen?
Sie lässt sich nehmen.
Bleibt bei dir selbst.
Kann dich bequemen.
Wenn du sie hältst.
Sie kann dich beschränken.
Mit klaren Grenzen
Wie heimlich lenken
In gutes Faulenzen.
Sie kann dich auch treiben
Bringt voll dich in Schwung.
Bewegen trotz Leiden.
Verheißt Besserung.
Sie ist nicht dein Feind,
sondern wirklich sehr gnädig.
Auch wenn es so scheint:
Sie erwartet dich stetig.

Handlungsrichtlinie
Bunte Fäden verweben.
Auf dem Teppich bleiben.
Schätze stapeln und leben.
Graue Farbe vertreiben.

Dattelernte
Unter Palmen stehe ich
und zwischen Elfenbeintürmen.
Ich suche meinen Weg.
Unzählige Stufen führen mich nach oben.
Im Turm links gibts alles umfassende Wellness.
Im Turm rechts gibt es den kompletten Konsum.
Alles, was mein Herz begehrt?
Aufstieg zum Thron,
um das Leben in den Griff zu bekommen.
Auch am Palmsonntag kann ich hier einkaufen
und mich verwöhnen lassen.
Aber eigentlich will ich mich nicht dran gewöhnen
an dieses Immer-Aufsteigen-Müssen!
Das bringt mich auf die Palme!
Vielleicht gibts oben in der Palme
bessere Ideen für meine nächsten Schritte
auf einer angemessenen Stufe
als oben auf der allerhöchsten?
In moderater Baumhöhe nach herrlichen Datteln greifen
mit Aussicht auf ein gut abgestuftes Leben
statt dämliches Daddeln gefangen im Netz
zwischen Elfenbeintürmen.
Bring mich auf die Palme, Gott!

Mit Köpfchen
Losgezogen.
Kopflos.
Sorglos.
Festgebunden im Gruppenzwang.
Aber wer keinen Kopf hat,
kann sich einen machen.
Mit Sorgen. Mit Ängsten. Mit Liebe.
Eingebunden in Gruppendynamik.
Das große Los gezogen!

Verkehrsfluss
Auf den ersten Blick habe ich den Baufehler gar nicht bemerkt. Auf dem zweiten Blick hab ich gesehen, dass es gar kein Baufehler ist. Verkehrte Welt. Wenn in einer Altbauruine jemand wohnt, der ein dichtes Dach über dem Kopf braucht, dann macht es Sinn, das Regenwasser der Dachrinne in die preiswerte Wohnung zu leiten. Vielleicht nicht zum Trinken, aber doch zum Nutzen für alles Andere. Was für den einen ein dummer Fehler ist, ist für den anderen genau richtig. In der jeweiligen Welt ist eben nichts verkehrt. Ich wünsche mir einen scharfen ersten und zweiten Blick in die Welten dieses neuen Jahres - ohne Vorurteil. Klingt doch nicht verkehrt - oder?

Weite-Welt-Sicht
Heute hat jemand die Welt wie ich gesehen.
Ich hatte einen vollen Tag
und kann gerade keinen ansprechenden Gedanken für mein Dienstags-Adventskalenderblatt finden.
Ich nehme seinen Gedanken von seinem Kalendertürchen auf mein Kalendertürchen
und überlege heute mal,
wer die Welt so wie ich sieht,
wer mit mir in eine Richtung schaut,
wer alles so hinter mir, neben und vor mir steht...

Renovierungsgedanke
Dieses Jahr hat mir ganz schön mitgespielt. Gibt es da etwa einen gut und mit Hut bekleideten Zeitgenossen, der mit der rechten Hand an meinen Strippen zieht und dann bewege ich mich brav vor der Fassade und dahinter ist schon keine Wohnung mehr. Wer foppt mich, spielt mit links Kasperle mit mir und hält mich so zum Narren? Die zwei Flaschen Bier neben seinen Füßen sagen mir, er will noch bleiben und weiter spielen. Bin ich bereit, diesen Menschen im neuen Jahr weitere Biere auf sein Wohl, aber nur auf meine Kosten leeren zu lassen? Das muss ich Mal mit mir selbst abkaspern und dem Strippenzieher vielleicht doch kein Bier mehr hinstellen. Ich werde mir meinen schützenden Schirm aufspannen und so nicht nur eine Fassade, sondern auch wieder ein Haus zum Wohnen und einen Balkon zum Baden in der Abendsonne haben.
Anpflaumen
Unser Pflaumenbaum hat sich dieses Jahr Mühe gegeben und dennoch versagt.
Diese Dinger kann man als Wurfgeschosse für eine schlechte Theaterdarbietung verwenden. Mein Herkunftswörterbuch verrät mir, dass der Begriff “jemanden anpflaumen" daher kommt.
Es war sicher nicht angenehm, wenn man als fahrender Schauspieler auf dem Dorf mit fauligen, runzligen Pflaumen beworfen wurde. Zu einem, den man für einen Versager hielt, hat man dann gerne im Volksmund auch gesagt: "Der ist vielleicht ne Pflaume!” So wird eben schnell mal einer zur Pflaume oder Schnecke gemacht und statt konstruktiver Kritik ordentlich "angepflaumt”. Aber ob es dadurch besser wird?
Bevor wir das nächste Mal zu den fauligen Wurfgeschossen greifen und auf einen vermeintlichen Versager zielen, dürfen wir einen Blick in den Spiegel werfen und unsere eigenen Runzeln ehrlich und gern auch gnädig zur Kenntnis nehmen. Das könnte unser Urteil über die vermeintlichen "Pflaumen” unter unseren Mitmenschen etwas relativieren.


Haltebucht. Halte-Bucht
Haltestelle. Halte-Stelle
Anhalten. Stehen. Sehen.
Aussichtspunkt. Anhaltspunkt. Standpunkt.
Die Stellung halten.
Auf den Punkt landen.
Hoffnung tanken.
Weiterfahren:
von Haltebucht zu Haltebucht…
und … Ankommen!