Nicht lange und alle Befürchtungen werden wahr. Der Feind kommt, er rückt immer näher.
Sie kommen.
Obwohl die Furcht des Hasen, mit den Winden fort getragen, schon aus kilometerweiter Ferne her zu wittern ist, obwohl der Hase die Gefahr in jedem seiner Haarwurzeln spürt, er bleibt stehen. Er bleibt stehen und will sehen, will wissen, wer da kommt, wer entgegen der Gerechtigkeit sein Urteil fällen will, wer sich da heranschleichen will und er ahnte es, der Wolf. Der Wolf, dessen Gestalt von dunkler Machenschaft ist, erscheint in seiner Art der Vollkommenheit. Seine Statur, sein Stehen, sein Stolz und seine mächtige Manier zu Schreiten, werfen schwarze Schatten auf alle Ruinen, werfen eine schwarze Seele auf den Körper des Hasen.
Nun stehen sie sich gegenüber. Read the rest of this entry »
…schließlich bin ich auch nur ein Mensch, der noch eben philosophierte im Philosophieunterricht, feinnervig, seelenvoll den Anderen zuhörte und mit einem zerlöcherten Geist und Gewissen da wieder herausgekommen war, noch lebt am Leben – ich bin nun mal kein Tier, verflucht noch mal! – und forderte sie immer wieder auf: „Nun komm, erzähl, erzähl, nun komm“, wobei Kott immer noch und wieder versuchte die Masse zu Ruhe zu bringen, um überhaupt Organisatorisches erledigen zu können, „nicht“(→Kott).
Sie träumte von einer furchtbaren Kriegssituation, so begann sie:
Der Tag war die Nacht, es rauchte, bombte, schrie und knallte überall.
Der Schwefelgeruch, der Schweiß, Ekel, die Nässe des Sterbens, alles lag kalt, verstreut in der Luft, wehte frisch um ihre taub gewordene Traumfigur, also um ihre Figur im Traum. Ihr war schwindelig und besonders wunderte sie sich über ihren Körper, nachdem sie sich von oben bis unten prüfte. „Ich war ein Hase!“, realisierte sie und ihre Augen weiteten sich.
Mit süßen langen Ohren, den großen Knopfaugen, der Stupsnase und den dazu passenden Pfötchen, dachte ich. Trotz der Schlaffheit in mir, versuchte ich eine Reaktion hervorzurufen, die war wie Folgende:
Große Augen.
Für mich war es aber interessant!
Interessant, wirklich, es war für mich interessant, denn ich höre gerne zu und versuche Solches oder Ähnliches zu analysieren, in ihre Bestandteile aufzuteilen, später dann wieder zusammenzusetzen, um mein Gegenüber, ob er es will oder nicht, besser verstehen zu können.
Ich weiß nicht, ich denke, ich habe ihr nicht mit großen Augen diesen Eindruck vermitteln können, aber sie erzählte ja weiter, das ist schon mal was:
Mit schönem, weißem Fell und den Schnurrhaaren oder wie nennt man die Dinger, die unter der Stupsnase wachsen.
Ich wusste es selbst nicht mehr.
Na ja, egal: Es schmerzte und tobte. Der Tod hastete und wütete überall. So wie Träume sind, sah sie keine Menschen, es war niemand mehr da, ja, nicht einmal ein Toter oder eine Leiche oder ein Zombie oder zersetzte Leichenteile oder zerfleischtes Aas saß da, lag dort, ächzte und krächzte auf der Straße herum! Der Traum war grau, braun, blau, gelb, weiß, schwarz, kalt. Nicht einmal wagte ein Lüftlein sich zu regen, noch wollte der Lärm Ruhe geben.
Stiller Segen zwischen ruhenden Gassen, das Sterben in der Welt im Hintergrund, eine Furcht im Hasen, eine begründete Furcht auf einsamen Straßen.
Im Geschichtsunterricht merkte ich denn, wie Gefühle einen Mischen können, wie Gefühle einen Vermischen können, (wie…auch immer, ich versuche hier gerade, etwas zu erzählen) – ich muss wohl noch in dieser Parenthese deutlich herausschreiben, dass ich nicht zu den unseriösen Gestalten gehöre, die kurz vor Ende der Tage sich dem Lehrer aufdrängen, um denn noch gute Noten erreichen zu wollen - und während Kott versuchte, Ruhe im Raum zu finden, erzählte Olja mir vom schnuckeligen Hasen, der die Welt rettete.
Olja hatte irgendwann wieder einmal einer ihrer seltsamen Träume geträumt, den ihr Unterbewusstsein gesponnen hatte, von denen ich bisher noch nichts gewusst hatte - was für ein schlechter Charakter ich doch sein kann - und gestikulierte mir so gerade eben mal ganz schnell inmitten der anfänglichen Geschichtsstunde Die heldenhaften Abenteuer des kleinen Hasen „Olja“ gegen die Wölfe. Doch sie zögerte immer wieder Augenblicke der Spannung, nicht das sie mich damit quälen wollte, nein, sie sah mich an, durchforstete mein Inneres, inspizierte meinen Geist, meine Lage, suchte nach meinem Einfühlungsvermögen für einen so merkwürdigen Traum, flüsterte mir erneut zu, sehr ernst, ihre Stimme klang ernst: „Oh, der war so komisch, so seltsam“ und hoffte auf eine Reaktion meinerseits, wobei ich wie Tod auf meinem Stuhl saß, genervt, geplagt, eben saturiert von dieser Welt, wahrscheinlich eben so leblos aussah, als könnte ich mich direkt aus dem hinter mir liegenden Fenster rauswerfen, wobei ich mir dabei nicht einmal den Daumen brechen würde, glücklicherweise. Ehrlich, es wollte nichts kommen, so sehr ich mich anstrengte, mich bemühte, auf den Kopf stellte, lächelte, es wollte nichts kommen, keine positive Körpersprache. Ich war schlaff, aber nicht mein Denken war schlaff, sondern nur der Körper und ich wartete gespannt darauf, dass sie nun beginne, denn ich wollte ihr zuhören und ich hörte ihr zu, ihren Pausen und ihrer Vorsicht in der Stimme, achtete auf ihre Augen, die wachsam um sich herumblickten. Ich war bereit für alles, für jeglichen Ekel, schließlich bin ich auch nur ein Mensch.

Dies ist die kleine Geschichte von und über Olja, einer liebreizenden Person, sehr liebreizend, ja, ja, sehr liebreizend sogar, ehrlich, ich meins ernst.
Olja, eine bemerkenswerte, unglaubliche Person, gewitzt, nett, eben Olja. Und wenn sie Einen anblicken sollte, dann wird man sehr schnell verlegen.
Nun gut, ich will jetzt erzählen wollen, was ich erzählen will:
Noch gerade eben habe ich Dürrenmatts Panne gelesen, die ersten paar Seiten eben - amüsant, amüsant, nicht schlecht, nicht schlecht, gefällt mir -, aber trotzdem drohen mir beim längeren Lesespaß die Augen einzuschlafen, weil ich in der Tat müde bin.
Nun gut, und nachdem ich kurz bei meinen Schwestern war und erneut die mühsamen Treppen erklommen bin oder besser gesagt, mühsam die Treppen erklommen bin, fiel mir ein, dass ich doch selbst noch eine kurze, kleine, auf Wahrem basierende Kurzgeschichte aufschreiben wollte.
Doch nun bin ich, warum auch immer, zu erhitz ud treffä di Taten necht mer richti. Dennoch, obwohl dieser Tag so manch heruntergekommenen, depressiven Menschen vor meine Nase warf, so war ich doch im Großen und Ganzen, so wie immer, gut und bei guter Laune gewesen.
Es gibt nur einen Weg, der raus aus dem Leben führt..
In einem Koranvers wird uns versprochen, dass jedes Lebewesen den Tod kosten wird.
Nun, wir leben in einer Welt, in der gerne Tod und Krankheit verschwiegen - todgeschwiegen wird.
Obwohl es eine feststehende Wahrheit, eines der wenigen Dinge ist, die mit aller Wahrscheinlichkeit eintreffen werden. Daran ist nichts zu rütteln. Es gibt keinen Ausweg.
Wenn wir nicht darüber sprechen, ändert es nichts an der Tatsache, dass es den Tod gibt. Das er jeden einholt.
Der Tod fragt nicht nach, ob man jung, reich, schön, klein, dick oder nicht ist. Er kommt.
Der Tod ist eines der wenigen Dinge, die für tatsächlich jeden da ist..
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Dann, kein halbes Jahr später, ging das eine Blattwerk ein. Das machte mich höchst traurig. Ich entfernte von ihr den vergammelten Strunk. Und bald darauf, keine drei Tage später, ging auch der letzte Strunk von ihr ein. Sie war gestorben. Ich fand sie in den frühen Abendstunden Tod auf in ihrer Tasse. Sie war verwelkt. Aus Trauer. Und trauernd nahm ich ihre Überreste in meine Hand und sah sie mir an. Was hatte ich bloß da falsch gemacht? War es, weil ich sie nicht genug integrieren konnte?
Ich fiel von allen Wolken. Mein Weltbild bzw. mein Bild von den beiden bzw. meine positive Einstellung zu ihnen drohte zu kippen. Der Asylantenkaktus, ach, sollte ich ihn wirklich tatsächlich einbürgern oder doch viel lieber meiner Schwester zurückgeben? Er machte mir so viele Sorgen. Er ist auch schon wieder gewachsen und hat sich gut erholt. Und meine Schwester würde es wohl freuen, wenn der Kaktus so wohl ernährt und fit wieder zurückkäme, oder nicht? Mich störte er nicht, aber seine grundsätzliche Depression und Müdigkeit ging mir allmählich auf die Nerven. Man muss ja überhaupt sehr viel Geduld mit Pflanzen haben und die habe ich ja und will sie ja immer aufwenden für sie.
Ich kam nach Hause. Voller Freude setzte ich die kleine, zierliche Topflanze neben die andere Topflanze hin. Und merkte. Eine unumstößliche Spannung zwischen ihnen. Ich wollte es zunächst nicht wahrhaben bzw. ich dachte, das ist so normal und verständlich. Die kleine Pflanze ist ja neu und muss sich zunächst orientieren bzw. sich einfinden in ihr neues Zuhause bzw. die anderen Topflanzen mal näher kennenlernen. Und wenn sie sich einander vorstellten, ja dann, dachte ich mir, werden sie auch schon gut miteinander umzugehen wissen. Oder so. So dachte ich es mir und hoffte es. Alsbald steckte ich die neue, kleine und schüchterne Topflanze in eine große Tasse, denn eine andere Vase ließ sich nicht finden. Ich beobachtete sie, doch die Topflanzen ließen sich nichts anmerken.
Ja, und dann dachte ich mir, sollte ich mir doch vielleicht noch eine dritte Topflanze kaufen. Es ist doch schön, mit anzusehen, wie die Pflanzen sich untereinander gut ver- und ertragen, wenn man sie alle gleich behandelt, mit allen samt redet und versucht, ihren Bedürfnissen entgegen zu kommen. Ich ging, diesmal ohne meine Schwester, durch eine andere große Pflanzenwelt und da sah ich sie. Meine dritte entzückende Topflanze sollte sie werden. Klein, zierlich, bescheiden. Kleine zarte, aber stark wirkende grüne Strunke ragten senkrecht hinauf. Sie war wirklich wundervoll. Ohne zu zögern griff ich nach ihr. Sie sah mich verlegen an. Ich war der Meinung, dass wir uns gut verstehen würden. Sie auch.
Und dann, dachte ich mir, hole ich mir doch eine eigene Topflanze, denn ich wollte eine eigene großziehen. Ich hatte dieses Bedürfnis in mir. Und so kam es, dass dieses Bedürfnis in mir erneut aufstieg, als ich mit meiner Schwester in eben diesem einen großen Blumenladen war. Und so kaufte ich sie mir dann. Sie war also die zweite Pflanze in meinem Zimmer. Ich sah sie beide an. Ich stellte sie aneinander vor. Der Kaktus war älter als sie, womöglich deswegen bescheidener. Meine Topflanze war einige Wochen alt, daher wohl noch total schüchtern gewesen. Eine Eigenart von manchen Pflanzen, dachte ich mir.



