Ich kam nach Hause. Voller Freude setzte ich die kleine, zierliche Topflanze neben die andere Topflanze hin. Und merkte. Eine unumstößliche Spannung zwischen ihnen. Ich wollte es zunächst nicht wahrhaben bzw. ich dachte, das ist so normal und verständlich. Die kleine Pflanze ist ja neu und muss sich zunächst orientieren bzw. sich einfinden in ihr neues Zuhause bzw. die anderen Topflanzen mal näher kennenlernen. Und wenn sie sich einander vorstellten, ja dann, dachte ich mir, werden sie auch schon gut miteinander umzugehen wissen. Oder so. So dachte ich es mir und hoffte es. Alsbald steckte ich die neue, kleine und schüchterne Topflanze in eine große Tasse, denn eine andere Vase ließ sich nicht finden. Ich beobachtete sie, doch die Topflanzen ließen sich nichts anmerken.
Die kleine Topflanze blieb schüchtern in ihrer Ecke stehen. Meine zweite Topflanze sprach kein einziges Wort. Ich merkte an ihr eine gewisse Kälte gegenüber der kleinen Topflanze, eine immer mehr stärker werdende Antipathie, die für mich grundlos erschien. Selbst der Asylantenkaktus meldete sich nicht zu Wort. Ihm war es gleich, wer da war und wer nicht. Aber fremd fühlen tat er sich nicht. Ich hatte ihn doch schon so lange und integriert, dachte ich, musste er sich doch wohlfühlen und natürlich freundlich sein zu denen, die ich mitbrachte, oder nicht. Jedenfalls, so dachte ich weiter, so naiv, wie ich war, mit der Zeit werden sie sich schon verstehen bzw. verständigen bzw. sich beginnen, zu mögen und gut miteinander umzugehen wissen.
Die Tage vergingen und mehr und mehr verhielten sich die Pflanzen Dissonant. Sobald die kleine Topflanze irgendein Gesprächsthema anzustimmen versuchte, ignorierte die zweite Topflanze sie und der Asylantenkaktus schien kein Wort davon zu verstehen. Das verstand ich nicht. Er lebte doch schon seit so vielen Jahren mit mir in einem Zimmer, wie konnte er da nichts verstehen? Ich meine, so dachte ich jedenfalls, wir verstehen uns doch alle, oder nicht? Ich kann ja auf ihm spielen, so freundlich gesinnt ist er zu mir. Aber jetzt machte er auf mich einen Eindruck der Müdigkeit und des Überdrusses. Nur, warum? Vielleicht weil ich ihm immer noch nicht den Topf schenkte, den er für sich brauchte. Das glaubte ich nicht. Eine Topflanze braucht doch so was nicht auf die Schnelle. Dann wächst es eben nicht weiter. Ist doch nicht schlimm, dass es nicht sofort einen neuen Topf bekam. Und außerdem wussten sie doch, obwohl ich es ihnen versprach, dass ich mir so ein Luxus nicht leisten konnte. Aber versprochen war versprochen. Nur, es darf sich doch wohl wieder das Versprechen aufheben lassen, wenn doch alle Beteiligten, und nicht nur ich, wissen, dass die nötigen Mittel hierzu fehlen. Sonst versorgte ich sie doch mit bestem Willen. Deswegen kann ich nicht mit bestem Willen verstehen, warum sie so einander überdrüssig erschienen.

Eine wahre Geschichte.
Von Emine-E



