Als ich mal bei ihr im Zimmer war, gab ich ihr also den Rat, eigentlich machte ich ihr das Angebot, dass ich mich wohl um den übrig gebliebenen Kaktus kümmern könnte. Sie war sofort damit einverstanden gewesen und er kam zu mir ins Zimmer. Er durfte also ausreisen. Ich gab ihm Asyl. Widerwillig, angeschlagen und verletzt war er, als er bei mir auf die Fensterbank kam. Ich redete etwas mit ihm. Ich versuchte ihn, zu trösten, ihm die Situation meiner Schwester klar zu machen und versprach ihm, dass er, wenn er denn wollte, jederzeit wieder zurückgehen könnte. Das wollte er nicht. Dann schwieg er grimmig weiter und stach mich ab und an. Ich setzte mich wieder und wieder mit ihm zusammen, erklärte ihm alles, sprach mein Beileid aus wegen dem anderen Kaktus und versprach ihm, dass er es bei mir besser haben werde. Nach ein paar Tagen endlich ließ er sich dann doch von mir pflegen und seither wuchs er auch etwas mehr.
Ihm geht es seither gut, aber die Spuren seines Leidens, die Zeiten der Schwere, Trauer und Trostlosigkeit sind ihm immer noch anzusehen, auch wenn er sie teilweise selbst zu verschulden hatte. Das ist jedenfalls meine Meinung. Das macht mich traurig, sein Trotz macht mich traurig. Und so verschwindet Manches doch nicht aus den Augen. Auch ihm versprach ich einen neuen Topf. Nun steht er da, vor meinem Fenster. Noch vor einer Woche gab ich ihm genügend Tropfen Wasser. Er lebt und er ist dankbar dafür. Er hat sich gut in meinem Zimmer integrieren können. Seither lässt er sich auch wieder streicheln. Seine Nadeln stechen nicht mehr. Sie machen sogar Musik. Ich sollte ihm wirklich endlich mal einen neuen Topf kaufen und ihn bei mir hier einbürgern.

Eine wahre Geschichte.
Von Emine-E



